Eine Reise in die Vergangenheit 2011, Danzig – Heubude – Stogi

Danzig-Heubude 1945 – Gdansk-Stogi 2010

Seit vielen Jahren fahre ich nun fast regelmäßig nach Danzig und seine Umgebung, um einige Tage durch die mir noch altbekannten Straßen und Orte zu gehen und ein wenig von alten Zeiten zu träumen.

 

Die ersten Reisen waren für mich noch stark geprägt von vielen Überraschungen und Enttäuschungen, waren die Erwartungen doch teilweise ein wenig zu hoch gesteckt.

Die Erinnerungen schmerzten sehr, denn trotz meines damaligen Alters von zehn Jahren habe ich noch sehr viele Erinnerungen an das alte Heubude, an „mein Heibude".

 

Es sind nun aber schon über 65 Jahre vergangen seitdem unsere Familie von den Polen aus Danzig vertrieben wurden. In dieser Zeit hat sich vieles verändert, leider aber nicht immer zum Vorteil; der Stadtteil Heubude ist heute keine gute Wohngegend und bietet sehr wenig an Lebensqualität.

 

Im Internet hatte ich inzwischen eine alte Heubuderin, die 1945 mit ihren Eltern in Polen geblieben ist, kennen gelernt, und wir verabredeten uns bei meinem nächsten Danzigtrip, gemeinsam eine „Reise in die Vergangenheit" nach „unserer Heibude" zu unternehmen.

Schon bei den ersten Gesprächen im Taxi merkten wir beide, dass wir doch sehr viele Gemeinsamkeiten aus unserer Jugendzeit hatten, gekannt haben wir uns vorher aber nicht, trotzdem wir in der gleichen Schule gingen.

 

Es waren sehr schöne Stunden gemeinsam durch die Straße und Wege von Heubude zu gehen und Erinnerungen auszutauschen, sich dabei oft gegenseitig zu ergänzen.

Regina ist mit ihrer Mutter 1945 in Danzig geblieben. Die Familie erhielt die polnische Staatsbürgerschaft.

Auch meinen Eltern wurde damals die polnische Staatsbürgerschaft angeboten, denn dann hätten wir auch in Danzig bleiben dürfen. Meine Eltern haben aber abgelehnt und wurdenso nach Westdeutschland ausgewiesen.

Heute danke ich meinen Eltern noch nachträglich zu ihrer damaligen Entscheidung. Ich habe keine guten Erinnerungen an die Zeit vom Kriegsende bis zur zwangsweisen Ausweisung aus Danzig durch die Polen.

In den letzten Jahren, seit meinem ersten Danzig-Heubude-Besuch im ehemals schönen Heubude, hat sich doch einiges getan. Der Zustand der Straßen und Fußwege hat sich inzwischen etwas verbessert. Die unschönen und ungepflegte Plattenbauten aus den 60ziger Jahren, die das Ortsbild bestimmen, sind nun teilweise gestrichen worden. Es sind auch viele Häuser neu gebaut, andere sind recht ordentlich saniert worden. Leider sind nun aber auch bald die letzten kleinen typischen Holzhäuser aus dem Ortsbild verschwunden. Sie verfallen wegen fehlender Pflege und werden dann abgerissen.

 

Mein Gesamteindruck von Heubude ist nicht der Beste und lässt sehr viele Wünsche offen.

Für den Touristen gibt es in Heubude bisher noch keine Möglichkeiten, in ein Café oder eine Gaststätte einzukehren, es gibt hier kein Hotel oder Pension zum Übernachten.

Das alte Heubude, wie ich es noch aus meiner Jugendzeit her kenne, gibt es auch nicht mehr, der neue Baustil mit den Plattenbauten hat das alte Fischerdorf fast ganz verdrängt – ja, platt gemacht. Hier könnte und möchte ich nicht mehr wohnen, hier fühlte ich mich fremd, Heubude weckt in mir keine Heimatgefühle mehr, Heubude bietet mir fast gar nichts mehr. Es ist nicht mehr mein Heubude, es ist Stogi, ein vernachlässigter, abgewirtschafteter Stadtteil von Gdansk mit einer Straßenbahn und einem schönen Ostseestrand.

 

Der Strand versöhnte mich dann doch wieder ein wenig. Durch den neuen Containerhafen, der gewaltig ins Meer hinein ragt, ist der Strand sehr viel kleiner, es fehlt die freie Sicht nach Westen über die See zur Westerplatte und bei gutem Wetter die Sicht nach Zoppot.

Der Blick nach Osten, nach Plehendorf, zur toten Weichsel, ist aber noch genauso schön wie früher, für mich heute noch schöner. Auch der saubere Sand, der unter den Schuhsohlen quietschte wie früher. Aus der Ferne das Rauschen des Dünengrases und des Kiefernwaldes waren für mich Musik in meinen Ohren.

Das Café auf der Promenade ist wieder sehr schön aufgebaut (war aber leider geschlossen), zwar im Holzfällerstil, machte aber nichts. Die neue Rettungsstation mit den Umkleide- und Sanitär-Anlagen fügt sich sehr gut in das Strandbild ein.

Der Kiefernwald ist mit einer breiten Schneise für die Öl-Pipeline nach Plehendorf geteilt. Das stört sehr, denn dadurch wirkt der Wald zweigeteilt. Früher sind wir mit unseren Eltern sehr oft durch den Wald zum Strand gegangen. Auf dem Rückweg wurden Kienäpfel und Holz für den Winter zum Feuern gesammelt.

Im Winter, wenn Schnee lag, und das war immer, sind wir hier gerne gerodelt. Oft kamen wir mit einem kaputten Schlitten nach Hause, weil wir gegen einen Baum gefahren waren.

Jetzt bin ich mit sehr gemischten Gefühlen in den Wald hinein gegangen, die Nachkriegserlebnisse hatten mich sehr schnell einholt, denn der Wald war stark vermint. Nach Kriegsende gingen wir in den Wald, um Pilze zu sammeln und dabei habe ich hier zu vieles an Greuel und Elend gesehen und auch selbst noch miterlebt, denn einige Kinder sind beim Pilzesammeln auf versteckte Mienen getreten und wurden dabei getötet oder sind schwer verwundet worden.

 

Meine alte Schule wirkt auf mich heute sehr viel kleiner als früher, trotz Anbau. Die Perspektive und die Zeit sind eben eine andere geworden. Merkwürdig, noch heute kann ich mich an fast alle Namen meiner Mitschüler (aus der eventuell dritten oder vierten Klasse) gut erinnern, denn ich habe sie, aus welchen Gründen auch immer, noch im Gedächtnis. Ich kenne sie noch fast alle, alphabetisch geordnet, mit ihrem Nachnamen, mindestens

bis zum Buchstaben „P".

Meine Klasse war im Altbau, dritter Stock, links, Hofseite. Mein Klassenlehrer hieß Buddatsch und der Rektor hieß Weinstein.

In dem neuen Gebäude und in den daneben stehenden Baracken waren in den letzten Kriegjahren Soldaten einquartiert, mein Onkel war auch dabei. Oft bekamen wir von den Soldaten aus ihrer Küche, die unten auf dem Hof war, etwas Warmes zu Essen oder auch manchmal einige Süßigkeiten.

 

Der alte Friedhof mit einer Holzkirche und einem hölzernen Glockenturm existieren nicht mehr, es sind aber auch schon über 65 Jahre vergangen, seitdem hier die letzten Deutschen beigesetzt wurden. Trotzdem weckte die Stelle noch Erinnerungen in mir, hier sind drei meiner Brüder begraben worden. Das Friedhofsgelände war lange Jahre ein verwildertes Gelände voller Unrat und Gartenmüll. Im Jahre 2009 ist auf Initiative der Heubuder Mittelschule der ehemalige Friedhof von Müll und Unrat gesäubert worden. Vor dem Friedhof wurde ein Gedenkstein mit Inschriften in polnischer und deutscher Sprache aufgestellt.

Der deutsche Text lautet:

EHEMALIGER EVANGELISCHER JESUS CHRISTUS FRIEDHOF IN HEUBUDE

 

Auch mein ehemaliger Kindergarten ist nicht mehr da, ich habe auch keine so guten Erinnerungen an ihn. Jeden Mittag mussten wir auf kleinen Liegen Mittagsschlaf halten, und täglich bekamen wir einen Esslöffel voll Lebertran, der sehr schlecht schmeckte.

Hier ist jetzt ein neues Gemeindezentrum mit einer Kirche entstanden.

 

Die alte Reitschule – Regina kannte sie nicht mehr – ist nicht mehr da. Hier standen wir kleinen Steppkes oft am Zaum und sahen den Reitern mit ihren Pferden zu.

 

Der Heidsee und der Kiefernwald, früher ein beliebter Vergnügungspark, ruhen noch immer in seinem Dornröschenschlaf. Hier waren wir sehr oft mit unseren Eltern. Im Sommer wie im Winter – hier war fast immer etwas los. An die Feuerwerke auf dem See und an die Konzerte kann ich mich noch ganz gut erinnern.

 

Die Uferwege sind schlecht gepflegt. Wo früher der Kaffeegarten war, steht jetzt eine brachliegende Werkhalle, daneben ein ungepflegter Bauhof.

Wir gehen weiter durch die Dammstraße und Kastanienallee zur Weichsel, sie lässt sich durch nichts stören und fließt wie in allen Zeiten träge dahin.

Erinnerungen werden wieder wach. Dort, wo die „Laake" in die Weichsel fließt, haben wir als Kinder oft gespielt, „Stuchels" gefangen, „Flößchen" gebaut und sind dann damit am Ufer der Weichsel herum geschippert, bis der Fährmann Thoms kam und uns unser Floß wegnahm, weil es nach seiner Meinung für uns zu gefährlich war.

Wenn im Sommer die Ausflugsdampfer, der „Paul Beneke", der „Schwan", oder die anderen Schiffe am Anlegesteg in Heubude festmachten, um Fahrgäste ein- oder aussteigen zu lassen, sprangen die größeren Jungen beim Ablegen auf das Schiff und fuhren ein Stück mit, um dann ins Wasser zu springen und wieder an Land zu schwimmen.

Im Sommer fuhr mein Großvater Wilhelm als Maschinist auf der „Paul Beneke" und im Winter, wenn die Weichsel dick zugefroren war, fuhr er auf einem Eisbrecher.

Den Anlegesteg und die gegenüber liegende Gaststätte gibt es auch nicht mehr. Es fahren auch keine Ausflugsdampfer mehr nach Heubude, hier ist nur noch ein Bootssteg.

Auf der anderen Seite der Weichsel, bei Rückfort und Bürgerwiesen, waren kein Sägewerk und auch keine Holzfelder mehr zu sehen.

Wenn früher abends der Bus nach Plehendorf auf der Landstraße an Heubude vorbei fuhr, war es für uns Kinder Zeit, nach Hause zu gehen, denn dann gab es Abendbrot.

 

Heute steht hier eine große Raffinerie, die Straße macht einen großen Bogen um sie herum, die Luftverpestung gibt es hier gratis.

Auch die Ruderbootfähre über die Weichsel zur anderen Seite fährt nicht mehr. Der letzte Fährmann, Bruno Toms, nahm uns Kinder oft in seinem Boot mit nach "drüben". Dort liefen wir auf dem langen Bohlensteg entlang, und wenn dann noch ein Dampfer vorbei fuhr und große Wellen machte, war das für uns eine dolle Schaukelei auf den Bohlen.

(Übrigens, Bruno Thoms ist mit meinen Eltern zusammen bis auf die Insel Fehmarn geflüchtet und hat auch einige Zeit mit uns dort gewohnt).

 

Nachdem wir nun schon fast ganz Heubude durchwandert hatten, bekamen Regina und ich Kaffeedurst. Ein Café war nicht zu finden, es gibt ja auch keins. Regina wusste aber schnell Rat. Den Kuchen kauften wir in einer Bäckerei an der Ecke Heidseestraße/Am Eulenbruch und dann gingen wir in das nahe gelegene Bistro, bestellten uns zwei große Becher Kaffee, der gut schmeckte, und sahen uns alte Bilder vom alten Heubude an, die Regina mitgebracht hatte.

 

Gegenüber vom Bistro stand damals ein Kino. Hier sahen wir oft Filme wie Dick und Doof, aber vorher lief immer die spannende Wochenschau. Die war auch bei uns Kindern sehr beliebt, denn es wurden uns die großen Kriegserfolge mit schmissiger Musik gezeigt und mit markigen Worten erklärt, die wir gar nicht so richtig verstanden, und wir glaubten alle daran ...

Auf der anderen Straßenseite stand eine Molkerei – alles vorbei –, es war einmal.

Bald standen wir an der Haltestelle Ackerstraße, bei Klevkorn. Den gibt es zwar auch nicht mehr, aber für uns waren sie heute alle noch einmal da, die kleinen und die großen Geschäfte wie der Bäcker Dobrick, der Kolonialwarenhändler Krebs, die Bauernhöfe, die Apotheke und die Sparkasse, wo wir Kinder oft mit unserer roten Spardose hin marschierten und unser Gespartes ablieferten.

Es war nur ein kurzer Augenblick, es war für uns beide wie „früher".

Mit lautem Gerumpel kam die Straßenbahn vom Strand angefahren und weckte uns aus unseren Träumereien. Als Kinder haben wir oft ein oder zwei „Dittchens" auf die Schienen gelegt, und wenn die Straßenbahn dann darüber fuhr, rumpelte es laut. Heute braucht man keine Dittchens dafür, es rumpelt auch so.

Die Fahrt mit der „Elektrischen", der Straßenbahn, nach Danzig glich einer kleinen Achterbahnfahrt. Das Gleisbett sehr uneben und marode, es fehlt eine vernünftige Instandhaltung oder ein Neubau.

Am Rieselfeld vorbei, es richt hier nicht mehr so wie früher. Auch die ehemaligen Fesselballons und die Flak sind nicht mehr da – zum Glück Vergangenheit ...

Durch die „Unterführung", die ehemalige Steinbaracken für die damaligen Fremdarbeiter stehen immer noch zwischen den beiden Eisenbahndämmen und sehen noch armseliger aus als damals.

Weiter ging die Fahrt über die Breitenbachbrücke an der „Schule Althof" und dem „Domningsplatz" vorbei. Hier war in jedem Jahr im Herbst der Dominik, der Herbstmarkt, aufgebaut mit Karussells, Achterbahn und Riesenrad. Am schönsten waren aber die Zuckerwatte- und Bonbon-Buden sowie die vielen Schmalzkuchenbäckereien. Es war immer ein schönes Erlebnis für uns Kinder.

Heute sind hier kleine Werkstätten und Sonstiges errichtet.

Weiter ging die Fahrt zum Hauptbahnhof, wo unsere Reise in die „Vergangenheit nach Heubude" zu Ende war.

 

Wir verabschiedeten uns als alte Heubuder Freunde und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen. Regina stieg in den Bus ein, der sie nach Hause in den Stadtteil Morena brachte, und ich ging sehr nachdenklich in mein Hotel.

 

Es waren für mich sehr schöne, erlebnisreiche Stunden in Danzig. Unsere „Reise in die Vergangenheit 2010" ist zu Ende. Ich fuhr nach Heubude und kam aus Stogi zurück, für immer ...